Teenager gehen ihren eigenen Weg
- Mario Kappenstein

- 23. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Ein Aha-Moment im Kino, der mich innehalten ließ.
Kürzlich war ich mit meinen Kindern im Kino, im Odeon Kino Mannheim, und wir haben den Dokumentarfilm Aufstand der Jugend von Simon Marian Hoffmann gesehen. Der Film zeigt junge Menschen, die sich einmischen, die laut werden, die für Themen wie Klimaschutz, Frieden und soziale Gerechtigkeit auf die Straße gehen. Das ist beeindruckend, ohne Frage. Und gleichzeitig war das gar nicht das, was mich an diesem Abend am tiefsten berührt hat.
Was mich wirklich bewegt hat, war etwas sehr Persönliches: Während ich diesen Jugendlichen zugeschaut habe, ist mein eigener innerer Jugendlicher wach geworden. Ich saß plötzlich nicht mehr nur als Vater im Kinosessel, sondern war innerlich wieder mittendrin in meiner eigenen Zeit als Teenager – draußen unterwegs, mit Freunden, mit diesem starken Gefühl von Aufbruch, von Freiheit und von „Wir können etwas bewegen“. Damals war das vielleicht weniger politisch, weniger klar ausgerichtet auf große gesellschaftliche Themen, aber es war getragen von genau dieser Energie, sich selbst in der Welt zu erfahren, Grenzen auszutesten und den eigenen Platz zu suchen.

Und genau an dieser Stelle wurde es für mich ehrlich – und auch ein Stück weit unbequem. Denn mit dieser inneren Rückverbindung kam die leise, aber sehr klare Erkenntnis: Ich schaue auf meine Kinder nicht neutral. Ich schaue durch meine eigene Geschichte, durch meine eigenen Erfahrungen, durch das, was für mich eine „gute“ oder „gelungene“ Jugend war. Und irgendwo in mir gibt es offensichtlich den Wunsch, dass meine Kinder etwas Ähnliches erleben. Dass sie rausgehen, dass sie Abenteuer haben, dass sie sich in der Welt erproben – vielleicht sogar auf eine Art und Weise, die meiner eigenen ähnelt.
Wenn ich das ausspreche, merke ich sofort, wie schief das eigentlich ist. Denn das ist nicht ihr Weg. Das ist meiner. Und so nachvollziehbar dieser Wunsch ist, so sehr liegt darin auch die Gefahr, ihnen etwas überzustülpen, was gar nicht aus ihnen selbst kommt. Es ist diese feine Linie zwischen Begleitung und subtiler Lenkung, die wir als Eltern so leicht überschreiten, oft ohne es zu merken.
"Unsere Kinder sind nicht dafür da,
unsere Sehnsüchte zu erfüllen."
Dieser Satz kam mir in diesem Moment sehr klar, fast schon nüchtern. Und gleichzeitig hat er mich innerlich weich gemacht. Weil er mich daran erinnert hat, dass es in der Jugend – damals wie heute – im Kern um etwas anderes geht: um Eigenständigkeit, um Abgrenzung, um die Suche nach dem eigenen Weg. Jugendliche müssen sich ein Stück weit von uns lösen, um sich selbst zu finden. Das ist kein Fehler im System, das ist der Prozess.

Für mich hat sich daraus an diesem Abend etwas neu sortiert. Ich möchte meinen Kindern mehr Raum geben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen – auch dann, wenn sie sich von meinen Vorstellungen unterscheiden. Ich möchte ihnen nicht erklären, wie Jugend „richtig“ geht, sondern ihnen zutrauen, dass sie das selbst herausfinden. Das bedeutet nicht, dass ich mich zurückziehe oder alles laufen lasse. Es bedeutet vielmehr, präsent zu bleiben, in Beziehung zu bleiben, Orientierung anzubieten, wo sie gebraucht wird – und gleichzeitig auszuhalten, dass ihr Weg ein anderer ist als meiner.
"Begleiten heißt nicht formen. Begleiten heißt, da zu sein,
ohne zu bestimmen, wer der andere werden soll."
Das klingt vielleicht einfach, ist es aber nicht. Es fordert uns heraus, unsere eigenen Bilder, Ideale und auch Ängste immer wieder zu hinterfragen. Es verlangt Vertrauen – nicht in ein abstraktes Konzept von Entwicklung, sondern ganz konkret in diese jungen Menschen, die da vor uns stehen und ihren eigenen inneren Kompass entwickeln.
Was bei mir geblieben ist, ist ein Gefühl von Demut. Diese drei Jungs sind nicht hier, um meine Geschichte fortzusetzen. Sie sind hier, um ihre eigene zu leben. Und vielleicht ist meine wichtigste Aufgabe gar nicht, sie auf den „richtigen“ Weg zu bringen, sondern ihnen so zu begegnen, dass sie den Mut entwickeln, ihren eigenen zu gehen.
Der Film Aufstand der Jugend hat genau diesen inneren Prozess bei mir angestoßen. Wenn du die Gelegenheit hast, ihn zu sehen, kann ich dir das sehr empfehlen. Nicht nur wegen der Jugendlichen auf der Leinwand, sondern vielleicht auch wegen der Begegnung mit deinem eigenen inneren Jugendlichen, der an manchen Stellen noch sehr genau weiß, worum es eigentlich geht.
Danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast, diese Zeilen zu lesen. Wenn etwas darin in dir nachklingt – ein Gedanke, ein Gefühl, ein leiser Impuls –, dann nimm ihn ruhig mit in deinen Alltag und schau, was daraus entstehen will.
Herzlich
Mario


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