Unterschiedliche Lust in der Beziehung: Feuerzeug oder Samenkorn?
- Mario Kappenstein

- 28. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Warum viele Paare an ihrer unterschiedlichen Lust verzweifeln – und warum das oft gar kein Lustproblem ist.
Viele Paare lieben sich, wünschen sich Nähe und geraten dennoch immer wieder wegen ihrer Sexualität aneinander. Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, einer von beiden hätte ein Lustproblem. Doch oft ist die Wahrheit eine ganz andere. Warum Feuerzeuge und Samenkörner unterschiedlich ticken, weshalb gute Absichten manchmal genau das Gegenteil bewirken und wie ihr wieder besser miteinander ins Gespräch kommen könnt, darum geht es in diesem Artikel.

Deutschland schwitzt. Die Thermometer klettern auf über 35 Grad, Ventilatoren laufen auf Hochtouren und selbst nachts wünschen sich viele nur noch eine kühle Brise. Da könnte man meinen, dass sich diese Hitze auch im Schlafzimmer bemerkbar machen müsste. Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Und es liegt nicht wirklich an den hohen Temperaturen, die uns zu schaffen machen. Viele Paare verzweifeln an ihrer unterschiedlichen Lust in der Beziehung und fragen sich, ob mit ihnen selbst oder ihrem Partner etwas nicht stimmt.
Ein Grund dafür liegt häufig gar nicht darin, dass einer von beiden „zu wenig Lust“ hätte oder mit ihm oder ihr gar etwas „nicht stimmen“ würde. Die allermeisten Menschen wünschen sich sehr wohl eine lebendige – und gerne auch heiße – Sexualität. Aber Lust entsteht bei Menschen auf ganz unterschiedliche Weise. Genau das beschreibt die Sexualforschung mit den Begriffen spontane und responsive Lust.
Um diese beiden Formen etwas anschaulicher zu machen, arbeite ich gerne mit zwei Bildern.
Der spontane Typ gleicht einem Feuerzeug. Ein Blick, ein Kuss oder eine Berührung genügt und schon ist die Flamme da. Die Lust entsteht scheinbar aus dem Nichts.
Der responsive Typ erinnert eher an ein Samenkorn. In diesem Samenkorn steckt bereits alles, was es braucht, um eine wunderschöne Blüte hervorzubringen. Nur wächst eine Pflanze eben nicht, weil man sie anschaut oder an ihr zieht. Sie braucht den richtigen Boden, Wasser, Zeit und passende Bedingungen. Erst dann beginnt sie zu wachsen und ihre ganze Schönheit zu entfalten.
Beide Formen sind vollkommen normal. Keine davon ist richtiger oder gesünder als die andere.
Bevor ich weiterschreibe, möchte ich allerdings eine wichtige Bemerkung machen. Der Einfachheit halber werde ich im Folgenden überwiegend den klassischen Fall beschreiben, den ich auch in meiner Praxis häufig erlebe: den Mann als Feuerzeug und die Frau als Samenkorn. Das entspricht zwar durchaus – statistisch gesehen – einer häufigen Konstellation, ist aber keineswegs die einzige. Es gibt viele Frauen mit spontaner Lust, viele Männer mit responsiver Lust und selbstverständlich auch Paare, bei denen beide ähnlich ticken. Bitte lies den Text deshalb nicht als Beschreibung aller Männer und Frauen, sondern übertrage ihn auf deine eigene Beziehung und eure Neigungen.
Unterschiedliche Lust in der Beziehung verstehen
Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen meist nicht im Schlafzimmer, sondern viel früher.
Vielleicht kennst du folgende Szene:
Sie kommt nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Der Einkauf muss verräumt werden, in der Küche wartet noch das Abendessen und gedanklich ist sie vielleicht schon bei den Kindern oder bei den Terminen des nächsten Tages. Er freut sich, dass sie endlich da ist. Er sieht sie an, findet sie attraktiv und in ihm entsteht ganz selbstverständlich Lust. Er legt ihr eine Hand an den unteren Rücken, küsst sie im Nacken oder umarmt sie von hinten.
Was für ihn Ausdruck von Liebe und Begehren ist, erlebt sie möglicherweise als störend oder überfordernd. Nicht, weil sie ihn nicht attraktiv findet. Sondern weil sie innerlich noch gar nicht bereit ist, sich auf Zärtlichkeiten, geschweige denn Sex, einzulassen.
Reagiert sie gereizt oder weist seine Annäherung zurück, passiert häufig etwas Entscheidendes. Während sie denkt: „Bitte gib mir einen Moment zum Ankommen“, hört er: „Ich will dich nicht.“
Diese Erfahrung kann schmerzhaft sein. Viele Männer erzählen mir, dass sie sich in solchen Momenten nicht nur sexuell zurückgewiesen fühlen, sondern als Mensch. Manchmal tauchen Fragen auf wie: „Findet sie mich überhaupt noch attraktiv?“ oder „Bin ich ihr nicht mehr wichtig?“ Aus dieser Verletzung entstehen Rückzug, schlechte Stimmung oder offene Vorwürfe wie: „Du hast ja nie Lust. Was stimmt mit dir nicht?“
Auf der anderen Seite die Frau, die sich fragt, warum sie nicht einfach erst einmal in Ruhe den Einkauf einräumen und hier ankommen darf. Oftmals fühlen sich Frauen in solchen Situationen eher bedrängt als eingeladen.
So bleiben am Ende zwei Menschen zurück, die sich lieben, sich eigentlich nach Nähe sehnen und dennoch beide das Gefühl haben, vom anderen nicht verstanden zu werden.
Das Samenkorn hat kein Lustproblem. Es braucht andere Bedingungen als das Feuerzeug.
Wenn gute Absichten plötzlich Druck erzeugen
Im weiteren Verlauf entwickeln viele Paare Strategien, die gut gemeint sind und dennoch das Problem eher verstärken.
Manche Männer beginnen, sich langsam „heranzutasten“. Sie tragen die Einkaufstüten, machen Komplimente, bieten eine Fußmassage an oder kuscheln sich abends im Bett besonders eng an ihre Partnerin. Daran ist zunächst überhaupt nichts falsch.
Spannend wird es allerdings bei der Frage, mit welcher Absicht all das geschieht.
Ist die Fußmassage tatsächlich ein Geschenk an die Partnerin? Oder ist sie – vielleicht unbewusst – der Versuch, die Wahrscheinlichkeit für Sex zu erhöhen?
Beides gleichzeitig zu wollen ist zutiefst menschlich. Schwierig wird es erst, wenn diese beiden Absichten miteinander verschwimmen.
Dann kann aus einer wohltuenden Fußmassage plötzlich eine Reise über die Beine zum Po werden. Aus einem gemeinsamen Kuscheln wird eine unausgesprochene Einladung zum Sex. Aus einer liebevollen Berührung entsteht auf einmal das Gefühl, dass jetzt Erwartungen im Raum stehen.
Viele Frauen berichten mir, dass genau in diesem Moment ihr Körper innerlich zumacht. Nicht selten machen sie trotzdem weiter, obwohl sie innerlich längst ausgestiegen sind, und lassen ihren Partner gewähren. Manchmal wird dann ein Orgasmus vorgetäuscht oder die Situation zu Ende geführt, obwohl die innere Beteiligung längst verloren gegangen ist.
In vielen Fällen spürt auch der Mann, dass seine Partnerin nicht wirklich dabei ist. Er beginnt an sich zu zweifeln, fragt sich, ob er vielleicht nicht gut genug im Bett sei, oder sucht die Ursache bei seiner Partnerin. („Was stimmt nicht mit ihr?“)
Für beide Seiten beginnt hier eine Dynamik, in der Sexualität an echter Intimität, Tiefe und Lebendigkeit verliert.
Gleichzeitig verstehen viele Männer überhaupt nicht, was gerade passiert ist. Sie erleben dieselbe Situation als liebevolle Annäherung und wundern sich, warum ihre Partnerin plötzlich auf Distanz geht.
Das Tragische daran ist: Beide handeln oft in bester Absicht und verletzen sich dennoch gegenseitig.
Viele sexuelle Konflikte entstehen nicht durch fehlende Lust, sondern durch ungeklärte Absichten.
Genau an diesem Punkt setzt die Arbeit von Dr. Betty Martin mit ihrem Wheel of Consent an. Sie lädt Paare dazu ein, wieder klar zu unterscheiden: Was tue ich gerade für mich? Was tue ich für dich? Was wünsche ich mir? Und was wünschst du dir?
Eine wunderbare Möglichkeit, diese Fragen spielerisch kennenzulernen, ist das sogenannte 3-Minuten-Spiel. Dabei geht es zunächst gar nicht um Sexualität, sondern darum, Geben und Empfangen bewusst voneinander zu unterscheiden. Probiere das doch direkt heute noch mit deinem Partner oder deiner Partnerin aus.
So geht’s:
Ihr vereinbart, wer Partner A und wer Partner B ist. Partner A beginnt mit der Frage: „Wie möchtest du von mir berührt werden?“ Ihr sprecht kurz über den Wunsch, was davon machbar ist und wozu die handelnde Person eine Bereitschaft besitzt. Anschließend wird genau das für drei Minuten ausprobiert. Danach folgt die zweite Frage: „Wie möchtest du mich berühren?“ Wieder wird kurz geprüft, ob der Wunsch machbar ist und gegebenenfalls angepasst. Auch diese Runde dauert drei Minuten. Anschließend wechseln die Rollen. Schon nach zwanzig bis dreißig Minuten erleben viele Paare, wie ungewohnt – und gleichzeitig befreiend – es sein kann, so klar über Berührungen, Wünsche und Grenzen zu sprechen.
Ich empfehle, das Spiel beim ersten Mal bewusst ohne sexuelle Berührungen zu spielen. Es geht zunächst darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Mit wachsender Vertrautheit könnt ihr selbst entscheiden, wie weit ihr gehen möchtet.
Vielleicht ist das ohnehin der wichtigste Gedanke dieses Artikels. Die wenigsten Paare haben jemals gelernt, über ihre Sexualität wirklich miteinander zu sprechen.
“Let’s talk about sex, baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be”
(Salt-N-Pepa, 1991)
Genau dazu lädt dieser Song seit über dreißig Jahren ein. Und doch fällt vielen Paaren genau das erstaunlich schwer.

Wir hoffen, der andere möge schon wissen, was wir mögen, was uns Lust bereitet oder wo unsere Grenzen liegen. Doch genau dieses Wissen kann niemand erraten. Und in den seltensten Fällen haben wir hierzu hilfreiche und aufklärende Gespräche mit erfahrenen Menschen, geschweige denn mit unseren Eltern, erlebt.
Unser Wissen über lustvolle Berührung und Sexualität stammt häufig nicht aus Gesprächen, sondern aus Pornos. Das gilt für viele Männer und längst nicht mehr nur für Männer. Dort begegnen uns allerdings überwiegend Feuerzeuge. Alle wirken sofort erregt, jederzeit verfügbar und wie selbstverständlich aufeinander eingespielt. Häufig scheint es vor allem darum zu gehen, dass der Mann die Frau zum Orgasmus bringt und der männliche Orgasmus den Abschluss des gesamten Geschehens bildet. Und den Aspekt Gewalt in diesem Genre möchte ich jetzt erst garnicht weiter ausführen.
Puh … das vermittelt doch ein ziemlich schräges Bild davon, wie wir in Paarbeziehungen zusammenkommen. Vor allem dann, wenn wir vergessen, dass Pornografie in erster Linie Unterhaltung und Fiktion ist und keine Gebrauchsanweisung für lebendige - geschweige denn liebevolle - Sexualität.
Sexualität entsteht nicht erst im Bett.
Sie beginnt häufig viel früher – in einem ehrlichen Gespräch, in dem beide neugierig werden auf die Welt des anderen. Dort, wo Wünsche ausgesprochen werden dürfen, ohne dass sie sofort erfüllt werden müssen. Dort, wo Grenzen respektiert werden und dennoch gemeinsam erforscht werden darf, was vielleicht möglich ist. Neugierde kann ein starker Lustverstärker sein.
Ich wünsche mir, dass mehr Paare den Mut finden, genau diese Gespräche zu führen. Und zwar, um die eigene Lust und Sexualität ebenso wie die des Partners oder der Partnerin besser kennenzulernen. Was gefällt mir, was nicht? Wie möchte ich berührt werden, wie nicht? Welche Fantasien möchte ich gerne ausleben, welche bleiben erotische Vorstellungen in meinem Kopf?
Und ob ihr dann am Ende schnellen und leidenschaftlichen Sex oder sanft-tantrische Sinnlichkeit bevorzugt, spielt keine Rolle.
Redet miteinander! Let’s talk about Sex, Baby. Nicht erst dann, wenn Frust und Enttäuschung bereits groß geworden sind, sondern möglichst früh. Denn je besser wir verstehen, wie unser eigener Körper funktioniert und wie Lust beim anderen entsteht, desto größer wird die Chance, dass aus zwei unterschiedlichen Menschen kein Gegeneinander entsteht, sondern ein liebevolles Miteinander. Und im besten Fall ein Sexleben, das ihr beide in vollen Zügen und in seiner ganzen – für euch stimmigen – Bandbreite genießen könnt.
In der Überzeugung, dass auf heißen und lebendigen Sex niemand verzichten muss, sage ich dir danke fürs Lesen und hoffe, dass du ein paar spannende Impulse für dich mitnehmen konntest.
Herzlich,
Mario


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